Auf dem Portal des Zentrums für Oststudien (OSW – Ośrodek Studiów Wschodnich, eine renommierte polnische Denkfabrik, die Analysen zur politischen und wirtschaftlichen Lage in Mittel- und Osteuropa erstellt) erschien ein interessanter und analytischer Artikel mit dem Titel „Der Golfkrieg und die Herausforderungen für die EU-Energiepolitik“ der renommierten Expertin Agata Łoskot-Strachota. Der Text beleuchtet, wie sich die seit drei Monaten andauernde militärische Krise am Persischen Golf auf das tägliche Leben der Menschen in Europa und auf die strategischen Entscheidungen in Brüssel auswirkt. Obwohl die Kämpfe tausende Kilometer von uns entfernt stattfinden, treffen die Auswirkungen unseren Energiemarkt mit voller Wucht.
Scheinbare Ruhe und Kopfschmerzen wegen der Preise
Obwohl der Krieg am Persischen Golf bereits im dritten Monat andauert, sind die Länder der Europäischen Volkswirtschaften derzeit noch nicht mit einem totalen Rohstoffmangel konfrontiert. Wir spüren die Krise jedoch auf eine andere, sehr schmerzhafte Weise, durch rasant steigende Preise an den Tankstellen und auf den Energierechnungen. Verschärft wurde die Situation durch die Blockade der Straße von Hormus (eine strategisch wichtige, schmale Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gastransports verschifft wird). Diese Blockade hat Europa schmerzhaft vor Augen geführt, dass die EU trotz der ehrgeizigen Pläne für die grüne Transformation (der Prozess des Wandels einer Wirtschaft weg von fossilen Brennstoffen wie Kohle oder Öl hin zu erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarkraft) nach wie vor stark von traditionellen Rohstoffen abhängt, die sie aus dem Ausland importieren muss.
Krise an den Flughäfen: Das Problem mit den „Mitteldestillaten“
Eines der überraschendsten und dringlichsten Probleme, die die OSW-Autorin beschreibt, ist die drohende Lähmung des europäischen Luftverkehrs. Viele europäische Flughäfen (unter anderem in Großbritannien, Italien, Frankreich und Deutschland) sind von Treibstoffengpässen bedroht, was einige Fluggesellschaften bereits dazu zwingt, Flüge zu streichen. Warum ist das so? Die Europäische Union hat ein ernstes Problem mit der Struktur ihrer Vorräte und der Produktion von sogenannten Mitteldestillaten (eine Gruppe von Erdölprodukten mit mittlerem Siedepunkt, zu denen vor allem Dieselkraftstoff für Lastwagen und Schwerlasttransporte sowie Kerosin für Flugzeuge gehören). Jahrelang hat Europa eigene Raffinerien (Industrieanlagen, in denen Rohöl durch Destillation und chemische Prozesse zu fahrbereiten Kraftstoffen, Heizöl oder Asphalt verarbeitet wird) geschlossen. Nach dem Beginn des russischen Angreiferkriegs gegen die Ukraine verzichtete die EU zudem auf den Import russischer Kraftstoffe. Diese Lücke wurde daraufhin mit Lieferungen aus dem Nahen Osten gestiegen. Mit dem Ausbruch des Krieges am Golf wurde diese neue, kritische Lieferkette (der gesamte Prozess der Planung, des Transports und der Logistik, um einen Rohstoff vom Produzenten zum Endkunden zu bringen) abrupt unterbrochen.
Wie steht es um das Gas vor dem Winter?
Ein weiteres großes Fragezeichen steht hinter der Gasbevorratung. Nach der Abkehr von russischen Pipelines ist Europa extrem abhängig von LNG geworden (Flüssigerdgas – Liquefied Natural Gas –, also Erdgas, das auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt wird, wodurch sich sein Volumen drastisch verringert, sodass es mit Spezialschiffen, den sogenannten LNG-Tankern, ohne Pipelines transportiert werden kann). Der Nahe Osten, insbesondere Katar, gehört zu den wichtigsten Lieferanten dieses Energieträgers. Die Blockade der Seewege in der Konfliktregion führt dazu, dass das Befüllen der europäischen Gasspeicher vor dem nächsten Winter teurer, komplizierter und mit hohen logistischen Risiken verbunden ist.
Die Antwort aus Brüssel: Der Plan „AccelerateEU“
Als Reaktion auf diese sich zuspitzende Krise hat die Europäische Kommission am 22. April einen speziellen Rettungsplan namens AccelerateEU vorgestellt. Der Kern dieses Dokuments ist die Flucht nach vorn. Brüssel schlägt eine noch schnellere Elektrifizierung vor (der Ersatz von Geräten, die fossile Brennstoffe verbrennen, durch strombetriebene Alternativen, wie der Wechsel von Verbrennerautos zu E-Autos oder von Gasheizungen zu Wärmepumpen) sowie eine beschleunigte Dekarbonisierung (Maßnahmen mit dem Ziel, den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der gesamten Wirtschaft vollständig zu eliminieren).
Der Teufel steckt im Detail und in den Kosten
Wie Agata Łoskot-Strachota in ihrem OSW-Kommentar betont, ist die von der Europäischen Union eingeschlagene Richtung zwar prinzipiell unstrittig, doch der neue Plan aus Brüssel klammert fundamentale Fragen aus, die Experten schon vor dem Ausbruch des Golfkriegs besorgten:
- Wie viel wird das alles kosten und wer wird die Zeche zahlen?
- Wie kann die Kontinuität und Sicherheit der Energieversorgung in der Übergangsphase gewährleistet werden?
- Wie bleibt die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie erhalten (die Fähigkeit einheimischer Unternehmen, im Preis- und Qualitätswettbewerb mit Firmen aus den USA oder China, die Zugang zu deutlich günstigerer Energie haben, erfolgreich zu bestehen)?
Der Krieg im Nahen Osten hat die strukturellen Schwächen Europas offengelegt. Er zeigt, dass es extrem schwierig ist, das Löschen aktueller Energiebrände mit der Umsetzung langfristiger, ehrgeiziger Klimaziele in Einklang zu bringen.
Autor: MJ
Quelle: 1.